Was den Menschen einzigartig macht (und was nicht)

Was unterscheidet uns neben körperlichen Merkmalen eigentlich noch von unseren nächsten Verwandten? (Bildquelle: Tambako the Jaguar via photopin (license))
Was unterscheidet uns neben körperlichen Merkmalen eigentlich noch von unseren nächsten Verwandten? (Bildquelle: Tambako the Jaguar via photopin (CC BY-ND 2.0))

Der Mensch bezeichnet sich selbst oft als „Krone der Schöpfung“ und „Spitze der Evolution“. Warum sonst wollen wir wissen, was uns denn so besonders und einzigartig macht und vom Affen unterscheidet (abgesehen von den äußeren Merkmalen)?

Doch die Liste dieser Eigenschaften wird immer kürzer. Denn im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass auch andere Tiere – nicht nur Affen – viele dieser Merkmale zeigen, von denen wir einst dachten, sie seien typisch für den Menschen. Was Wissenschaftler bisher schon gestrichen haben:

Werkzeugbau und –gebrauch hielt man lange für einzigartig beim Menschen. Nur er war bekannt dafür, dass bereits seine steinzeitlichen Vorfahren Werkzeuge hergestellt und genutzt haben. Nur der Mensch bediene sich der Hilfsmittel aus der Natur und schaffe daraus Neues. Doch weit gefehlt: Verschiedene Affenarten sowie Krähen nutzen ebenfalls Werkzeuge.

So fischen Schimpansen mit einem Stock nach Termiten. Als Jane Goodall, die wohl bekannteste Schimpansenforscherin, das ihrem Mentor Louis Leakey erzählte, soll dieser geantwortet haben: „Jetzt müssen wir entweder neu definieren, was ein Werkzeug ist, den Mensch neu definieren oder Schimpansen als Menschen akzeptieren.“ Doch ganz so radikal muss man es nicht sehen. Denn es reicht, sich von der Vorstellung zu lösen, nur der Mensch könne Werkzeuge herstellen und sie benutzen.

Denn ein paar Jahre später stellten Wissenschaftler zudem fest, dass auch andere Affenarten Werkzeuge nutzen. So knacken Kapuzineraffen mithilfe von Steinen die Schale von Nüssen. Sie sind sogar in der Lage, aus Steinen Werkzeuge zu erstellen, die denen von Urzeit-Menschen ähneln (hier ein Video dazu). Vermutlich ist das aber keine Absicht, denn sie scheinen die so entstandenen scharfkantigen Steine nicht zu nutzen.

Sogar Vögel können Werkzeuge nutzen, wie diese Krähe (Video) zeigt, die mittels Steinen das Wasser in einem Gefäß so lange steigen lässt, bis sie an die darin schwimmende Nuss herankommt:

Neben dem Bauen und Benutzen von Werkzeugen ist Kultur möglicherweise ebenso keine Erfindung des Menschen. Denn darunter fallen Verhaltensweisen, die innerhalb einer Gruppe weitergegeben werden. Etwas zurückhaltender sprechen Verhaltensforscher dann oft von kulturellen Traditionen bei Tieren. Sie findet man beispielsweise bei Japanmakaken, die Kartoffeln waschen oder in heißen Quellen baden. Dieses Verhalten kann man nur in bestimmten Gruppen beobachten, in denen die Tiere es voneinander lernen. Andere Gruppen von Japanmakaken zeigen dieses Verhalten nicht.

Des Weiteren glaubte man, nur der Mensch sei dazu im Stande Krieg zu führen. Bis sich zeigte, dass Schimpansen nicht nur ihr Territorium patrouillieren, sondern auch gezielt andere Gruppen von Schimpansen angreifen – und töten.

Zudem ist auch Kooperation etwas, was beim Menschen außerordentlich ausgeprägt ist. Viele Tierarten sind zwar kooperativ, aber keine so sehr wie der Mensch. Wir helfen nicht nur Freunden und Verwandten, sondern auch Fremden. Selbst, wenn uns dadurch Kosten entstehen.

Doch erst vor kurzem erschien eine Studie, die zeigte, dass auch Schimpansen viel kooperativer sind, als bisher angenommen. Die getesteten Schimpansen bekamen die Möglichkeit, in ihrer Gruppe bei der Lösung eines Problems entweder gemeinsam zu arbeiten, um an eine Leckerei zu kommen, wobei sie frei entscheiden konnten mit wem sie zusammen arbeiten wollten. Oder sie konnten die Früchte der Arbeit anderer einfach stehlen. Das hatten viele Affen schnell raus. Doch mit der Zeit zeigten sie sich immer kooperativer, bis zum Schluss Kooperation die meistgenutzte Alternative war. Schimpansen sind also, ebenso wie der Mensch, erstaunlich kooperativ.

Und schließlich schrieb man auch die Theory of Mind – einfach gesagt, die Fähigkeit sich in die Gefühls- und Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen – lange Zeit ebenso nur dem Menschen zu. Zu wissen, was der andere weiß, gehört zum Beispiel dazu. Viele Tierarten, darunter auch Affen, sind dazu in der Lage. So verstecken Raben ihr Futter, wenn sie niemand dabei beobachtet, damit es auch nicht geklaut wird. Sollte doch einmal ein Artgenosse zuschauen, kommen sie später wieder und verstecken es an anderer Stelle.

Zu wissen, was der andere nicht weiß, gehört auch zur Theory of Mind. Um diese Fähigkeit zu testen, führt man einen so genannten False-Belief-Test durch. Dabei wird dem Kind beispielsweise eine Keksdose gezeigt, in der sich überraschenderweise Buntstifte anstelle von Keksen befinden. Nun wird es gefragt, was wohl eine andere Person glaubt, in der Dose zu finden. „Buntstifte!“, antworten Kinder, die noch nicht verstehen, dass eine andere Person das nicht wissen kann. Ihnen fehlt eine Theory of Mind, was sich darin zeigt, dass sie das Verhalten anderer in dem Fall nicht korrekt vorhersagen können. Lange glaubte man, dass Kinder erst im Alter von etwa vier Jahren über diese Fähigkeit verfügen, da sie erst dann korrekt antworten. Doch ähnliche Tests lassen vermuten, dass Kinder wohl schon mit zwei Jahren eine gewisse Vorstellung davon haben.

Auch dachte man lange, dass Affen nicht über eine Theory of Mind verfügen. Doch ähnliche Tests mit Orang-Utans, Bonobos und Schimpansen zeigten, dass sie durchaus die Fähigkeit besitzen, sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen. Bei einem Versuch sollten sich die Tiere Videos anschauen. In einem Video sahen sie, wie ein Mensch einen Stein aus einer von zwei Kisten holen wollte. Doch der Stein wurde zuvor hinter seinem Rücken in die andere Kiste gelegt. Durch eine Methode namens Eye-Tracking verfolgten die Wissenschaftler die Augenbewegungen der Tiere. Dadurch konnten sie ermitteln, was die Tiere erwarteten. Indem die Affen nun beispielsweise auf die rechte Kiste schauten, obwohl sie wissen, dass sich der Stein in der linken Kiste befindet, zeigten sie, dass sie vermuteten, der Mensch würde die rechte Kiste öffnen, um den Stein zu holen. Die Affen erkannten diese falschen Erwartungen.

Doch zugegeben: Es ist nicht ganz einfach, sich einen geeigneten Versuchsaufbau auszudenken, mit dem man testen kann, ob Affen sich in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer hineinversetzen können. Denn sie können einem das ja nicht mitteilen.

Und genau das unterscheidet den Menschen vom Affen: Sprache. Affen können uns nicht sagen, was sie denken oder fühlen. Sie können zwar Laute äußern, die bestimmte Bedeutungen haben, wie Alarmrufe, welche die Tiere dazu veranlassen, entweder den Schutz der Baumwipfel oder den des Bodens aufzusuchen. Affen verfügen aber nicht über eine solch komplexe Sprache wie die unsere.

Doch alles in allem fällt auf: Wir sind nicht ganz so einzigartig und besonders, wie wir es vielleicht gerne hätten. Denn letztendlich unterscheidet uns nicht viel von unseren nächsten Verwandten.

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