Was ist Verhaltensbiologie?

Igel müssen sich im Herbst genügend Reserven für ihren Winterschlaf anfuttern. Doch wieso halten sie überhaupt Winterschlaf? Diese Frage beantwortet die Verhaltensbiologie. (Bildquelle: callocx Baby Hedgehog via photopin (license))
Igel müssen sich genügend Reserven für ihren Winterschlaf anfuttern. Doch wieso halten sie überhaupt Winterschlaf und woher wissen sie, wann es soweit ist? Solche Fragen beantwortet die Verhaltensbiologie. (Bildquelle: Kalle Gustafsson via photopin (CC BY 2.0))

Wieso verhalten wir uns so, wie wir es tun? Diese Frage beantwortet die Verhaltensbiologie – eine oft unterschätzte Wissenschaftsdisziplin.

Verhaltensbiologie und Ethologie – diese Begriffe fallen häufig zusammen, wenn es um die Frage geht, wie man Verhalten wissenschaftlich erklären kann. Beide überschneiden sich und bearbeiten etwas andere Aspekte der Frage, wieso wir uns so verhalten, wie wir es tun.

So ähnlich ist es auch mit der Frage, wieso etwas passiert ist, beispielsweise wieso Trump es geschafft hat, zum Präsidenten gewählt zu werden. Dies kann man mithilfe der Politikwissenschaften beantworten, aber auch mithilfe von Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Psychologie. Sie alle beleuchten die Frage von jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln. Doch zusammen geben sie wohl ein vollständigeres Bild ab, als eine Disziplin allein.

Um Verhaltensweisen besser zu verstehen, ist es auch sinnvoll, diese nicht nur unter natürlichen Bedingungen, sondern auch an verschiedenen Tierarten zu untersuchen, um sie dann miteinander zu vergleichen. Das machen Ethologen. Denn Verhaltensweisen sind letztendlich evolutionäre Anpassungen an die vorherrschenden Bedingungen. Zwei Tierarten können mit diesen Bedingungen auf ganz unterschiedliche Weise umgehen. Ihr Vergleich hilft, beide besser zu verstehen.

Doch zurück zur Verhaltensbiologie. Professor Kappeler definiert sie in seinem Lehrbuch so:

Verhaltensbiologie ist eine Disziplin der Biologie, die mit wissenschaftlichen Methoden das Verhalten von Tieren und Menschen untersucht.

Möchte man die Ursache eines bestimmten Verhaltens verstehen, hilft es, die vier Fragen Tinbergens zu beantworten:

  1. Die proximaten Ursachen – Welche internen und externen Faktoren haben das Verhalten ausgelöst?
  2. Die ultimaten Ursachen – Welche Konsequenzen hat das Verhalten in Zukunft? Also welchen Erfolg hat es?
  3. Die phylogenetischen Ursachen – Wie ist diese Verhaltensweise im Laufe der Entwicklung der Art entstanden?
  4. Die ontogenetischen Ursachen – Wie ist die Verhaltensweise im Laufe der Entwicklung des Individuums entstanden? (Nature vs. Nurture)

Verhaltensbiologie versucht also, die Frage nach den vielen Warums zu beantworten, die ein Verhalten erklären.

Nehmen wir als Beispiel die Frage: „Warum halten Igel Winterschlaf?“ Die Antworten auf Tinbergens Fragen erklären alle das Verhalten der stacheligen Tiere:

  1. Die proximaten Ursachen:

Wenn die Temperaturen über einen längeren Zeitraum hinweg unter sechs Grad Celsius fallen, die Tage kürzer werden und damit auch weniger Tageslicht vorhanden ist, sind das die externen Signale für den Igel, demnächst Winterschlaf zu halten. Dadurch kommt es zur Ausschüttung bestimmter Hormone – den internen Faktoren – die letztendlich dazu führen, dass der Igel in Winterschlaf fällt.

  1. Die ultimaten Ursachen:

Die Körpertemperatur des Igels fällt. Atmung und Herzschlag werden langsamer. Dadurch verbraucht er letztendlich weniger Energie.

  1. Die phylogenetischen Ursachen:

Einfach gesagt, halten Igel Winterschlaf, weil ihre Vorfahren es schon taten. (Da sie im Winter weniger zu fressen fanden, hatten diejenigen Tiere einen Überlebensvorteil, die sich im Herbst eine Fettschicht angefressen hatten und im Winter auf Sparflamme schalteten.)

  1. Die ontogenetischen Ursachen:

Die Fähigkeit zum Winterschlaf scheint angeboren zu sein.

Mit den vier Fragen Tinbergens kommt man der Antwort schon ein gutes Stück näher. Doch wie das Beispiel schon zeigt, braucht man auch Kenntnisse aus anderen Bereichen, um die Frage vollständig zu beantworten. Um genau zu verstehen, wie die kürzere Tageslänge und die kälteren Temperaturen Umstellungen im Hormonhaushalt beeinflussen, braucht man Kenntnisse der Physiologie, Genetik und Neurobiologie. So entstanden Teildisziplinen wie die Verhaltensphysiologie, Verhaltensgenetik und Neuroethologie.

Zu verstehen, wie Nervenzellennetzwerke ein bestimmtes Verhalten steuern oder wie auf molekularer Ebene Hormone ihre Wirkung entfalten, scheint oft interessanter und wichtiger zu sein. So wird die Verhaltensbiologie oft unterschätzt. Doch was nützt es uns, wenn wir wissen wie beispielsweise Aggression innerhalb des Gehirns entsteht und welche Zellen daran beteiligt sind, wenn wir nicht verstehen, warum es passiert, welche externen und internen Faktoren dieses Verhalten beeinflussen, welchen Zweck es langfristig hat und wie es sich entwickelte? Die Verhaltensbiologie öffnet genau diesen Blick auf das große Ganze.