Optische Täuschungen: Das Kleid und die Flipflops

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In diesem Kleid sahen manche Menschen blau, wo andere weiß sahen. (Bildquelle: Liz Climo)


Es geht schon wieder los: War es letztes Jahr das Kleid, sind es nun Flipflops, um die sich das Netz streitet. Aber warum sehen manche Menschen blau, wo andere gold sehen?

Das Kleid. Es sprengte im Frühjahr 2015 das Internet und teilte die Menschheit in hauptsächlich zwei Lager. #TeamBlackAndBlue sah auf dem Bild ein blau-schwarzes Kleid, #TeamWhiteAndGold hingegen sah weiß und gold. Die Frage welche Farbe das Kleid nun hat, spaltete die Gesellschaft und sorgte für so manchen Beziehungskrach. Nun ist es wieder da. Und zwar in Form von Flipflops. Das Netzt streitet wieder einmal darüber, welche Farbe etwas hat. Der Hype ist diesmal nicht ganz so groß, wie letztes Jahr. Doch obwohl das Phänomen mittlerweile bekannt ist, vertritt so manch einer auch diesmal vehement seine Sicht der Flipflops und kann es einfach nicht fassen, dass einige seiner Mitmenschen eine andere Farbkombination sehen. Fassungslosigkeit und Unverständnis sind aber gar nicht mehr nötig, da Wissenschaftler dieses Phänomen nun besser verstehen.

Bei dem Kleid handelt es sich um eine optische Täuschung, die wohl durch die schlechte Qualität und Beleuchtung des Bildes entsteht. Dazu kommt die Tatsache, dass unsere Wahrnehmung der Welt sehr subjektiv ist. Zudem entspricht das, was wir sehen, nicht unbedingt der Realität. So empfangen unsere Augen Licht, welches in neuronale Signale umgewandelt wird, die das Gehirn verarbeitet und interpretiert. Die Farbe eines Objekts ermittelt es anhand des davon reflektierten Lichts. Was das Objekt reflektiert, hängt jedoch nicht nur von seiner Beschaffenheit ab, sondern auch von der Farbe der Lichtquelle. Das Gehirn muss also auch Informationen über die Umgebung verarbeiten (wie die Art der Beleuchtung) um ein möglichst reales Bild zu zeichnen.

Liegt beispielsweise etwas im Schatten, gehen wir automatisch davon aus, dass es dunkler aussieht, als es eigentlich ist. Das ist auch der Grund dafür, dass bei diesem Zauberwürfel (siehe Video) die Fläche in der Mitte der hellen Seite braun erscheint und die auf der schattigen orange – obwohl sie in Wahrheit exakt dieselbe Farbe haben. Unser Gehirn ergänzt die Farbinformation nämlich um die Information der Beleuchtung und kompensiert so den Effekt des Schattens. Diese Farbkorrektur läuft ganz unbewusst und automatisch ab.

So ähnlich ist es auch beim Kleid. Würden wir es in natura sehen, hätten wir wohl keinerlei Zweifel an seiner Farbe. Doch die Interpretation des Bildes ist offensichtlich nicht ganz so einfach. Hier fehlt dem Gehirn die Umgebungsinformation. Man sieht nur das Kleid, aber kaum etwas vom Hintergrund. Zudem ist es überbelichtet. Dadurch muss sich das Gehirn auf seine Erfahrungen stützen und Annahmen über die Umgebung machen. Nimmt es eine kältere Beleuchtung mit bläulichem Licht an, sehen die dunklen Streifen des Kleides gold und die hellen weiß aus. Denn in diesem Fall subtrahiert es den Blauanteil des Lichts von der Farbe des Kleides. Nimmt es hingegen eine warme Beleuchtung mit eher orangem Licht an, sieht das Kleid blau-schwarz aus.

Diese Erklärung untermauert auch das Experiment einer Gruppe Wissenschaftler mit über Tausend Probanden. Dafür setzten sie das Kleid auf das Bild einer Frau und fügten einen Hintergrund hinzu, der deutlich machte, um welche Art der Beleuchtung es sich handelte. Dabei veränderten sie die Farbe des Kleides nicht. Nun waren sich fast alle Probanden einig darüber, dass das Kleid auf dem Bild mit blauer Beleuchtung (auf dem nicht nur der Hintergrund, sondern auch die Haut der Person blau erschien) weiß-gold ist – auch diejenigen, die es zuvor als blau-schwarz beschrieben. Im Bild mit warmer Beleuchtung bezeichneten die meisten es nun als blau-schwarz. Die unterschiedliche Farbwahrnehmung entsteht somit durch den fehlenden Kontext und dessen Eigeninterpretation des Gehirns.

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Das sind die beiden Bilder, die den Teilnehmern der Studie gezeigt wurden. Das Kleid im linken Bild sah für die meisten weiß-gold aus, das im rechten Bild sahen die meisten blau-schwarz. (mit freundlicher Genehmigung von Rosa Lafer-Sousa, Erstautorin der Studie)

So zeigte auch eine andere Studie, dass Menschen, die das Kleid blau-schwarz sehen, doppelt so häufig davon ausgehen, dass es von vorne beleuchtet ist, als Menschen, die es weiß-gold sehen. Zudem glaubten sie auch eher, der Hintergrund sei ein Spiegel. Diese Interpretationen passen zur wahrgenommenen Farbkombination. Denn solch eine Umgebung erweckt den Eindruck, das Kleid sehe auf dem Bild heller aus, als es eigentlich ist und müsste demnach dunkler und damit blau-schwarz sein. Im Gegensatz dazu würde eine Beleuchtung von hinten, beispielsweise durch ein Fenster im Hintergrund, dafür sorgen, dass das Kleid dunkler erscheint, als es eigentlich ist, müsste demnach heller und damit weiß-gold sein.

Warum sich die Eigeninterpretationen von Mensch zu Mensch so unterscheiden, ist noch nicht vollständig geklärt.  Es könnte an individuellen Erfahrungen liegen, die unsere Annahmen prägen. Ist man beispielsweise eher warmes, künstliches Licht gewohnt, passt sich das Gehirn dementsprechend an und vermutet dies auch bei diesem Bild. Das Kleid erscheint dann eher weiß-gold. Zudem ist bekannt, dass es individuelle Unterschiede im Sehapparat gibt, welche ebenfalls zu der individuellen Farbwahrnehmung führen könnten. Beispielsweise ist die Spektralsensibilität der Photorezeptoren sowie deren Anzahl nicht bei jedem Menschen gleich, ebenso die Filterfähigkeit der Linse.

Was es auch ist, eins ist schon jetzt klar: Obwohl das Kleid wirklich blau-schwarz ist (Sorry #TeamWhiteAndGold), haben beide Recht, wenn sie sagen, dass sie eine bestimmte Farbkombination sehen. Da gibt es kein richtig oder falsch. Denn was wir sehen, ist die individuelle Interpretation unseres Gehirns. Meistens ist es sich mit den Gehirnen anderer Menschen einig. Beim Kleid und den Flipflops aber offensichtlich nicht.