Affenartig: Berberaffen – die letzten Affen Europas

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Ein Berberaffe auf einer Mauer auf Gibraltar. Dort kann man die einzigen frei lebenden Affen Europas treffen. (Bildquelle: Aaron Baw (CC0 1.0))

Über eine einzigartige Art von Affen, ihre Lebensweise, ihre Besonderheiten und die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind. Hier kommen: die einzigen Makaken, die nicht in Asien leben.

Februar 2014: Seit Tagen laufen wir durch das marokkanische Atlasgebirge auf der Suche nach Berberaffen (Macaca sylvanus). Wir wissen, dass hier eine Gruppe lebt. Wir wissen nur nicht, wo sie gerade ist. Doch selber Schuld: Wären wir vor drei Tagen nicht zu spät gekommen, hätten wir die Gruppe auch nicht verloren. Als wir da ankamen, wo wir sie zurück gelassen hatten, waren sie schon weg. Und keiner wusste wohin.

Normalerweise sind wir – ein Team wechselnder, internationaler Verhaltensforscher – schon da bevor die Affen von ihren Schlafbäumen runter kommen. Dort verbringen sie die Nächte an die Stämme der Zedern gelehnt. Entweder allein oder mit anderen Artgenossen kuschelnd. Vor allem die Jungtiere schlafen zusammen mit anderen. Wenn bei Mama kein Platz mehr ist, da das kleine Geschwisterchen schon da sitzt, suchen sie auch gerne die Nähe der Männchen auf. Wenn es kalt ist, regnet oder schneit, halten sich aber alle lieber gegenseitig warm und kuscheln in größeren Gruppen.

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Ein Berberaffe im Schnee. (Bildquelle: Kamil Laghjichi (CC BY-SA 4.0))

Ja, auch in Afrika schneit es mal. Zumindest im Rif- und Atlasgebirge in Nordafrika (Marokko und Algerien), wo noch Berberaffen leben. Es gibt aber auch eine Population auf Gibraltar, dem südlichsten Punkt Europas, die wahrscheinlich von Menschen eingeschleppt wurde. Berberaffen sind auch die einzigen Makaken, die in Afrika leben – alle anderen besiedeln Asien. Der Lebensraum der quasi schwanzlosen Affen (manche von ihnen haben noch einen winzigen Stummel) zeichnet sich durch ein sehr wechselhaftes Klima aus: Von Schnee und Minusgraden bis hin zu brütender Sonne bei über 40 Grad Celsius.

Werden sie morgens wach, verrichten sie ihr Geschäft, wärmen sich in der aufgehenden Sonne und kommen von den Bäumen herunter. Als Gruppe machen sie sich dann meist relativ zügig auf den Weg. Da wir Verhaltensforscher nicht wissen wohin, müssen wir also da sein, bevor die Gruppe losmarschiert, um sie nicht zu verlieren. Denn die Affen warten ganz bestimmt nicht auf uns. So wie an diesem Morgen vor drei Tagen. Nachdem wir das Auto wie immer am Straßenrand parkten, marschierten wir an diesem Tag besonders lange zu dem Ort, wo wir sie am Abend zuvor verlassen hatten. Ganze 45 Minuten dauerte der Aufstieg zu der Stelle am Bergkamm. Als wir oben ankamen tauchte die Sonne den Wald bereits in ihren warmen Schein. Und die Affen waren weg.

Finde den Affen

Um die Schlafstelle herum fanden wir auch keine frischen Kothaufen, die uns verraten könnten, in welche Richtung die Affen gegangen sind. Da sich die Gruppe meist sehr ruhig verhält und offensichtlich schon einen Vorsprung hatte, konnten wir sie auch nicht hören. Und so mussten wir raten.

Ganze drei Tage irrten wir umher und fanden die Tiere nicht. Es ging durch steppenartige Flächen, Wiesen, Zedernwälder, Bereiche voller Büsche, Bergrücken hoch und runter. Ihr Streifgebiet ist groß und unübersichtlich. Noch dazu verbringen Berberaffen tagsüber die meiste Zeit auf dem Boden, was es noch zusätzlich erschwert, sie zu finden.

Doch manchmal hat man Glück und sieht sich bewegende Baumkronen oder Äste. Junge Berberaffen spielen dort gerne und springen dabei von Ast zu Ast. In den Bäumen sind die Tiere tagsüber, um Siesta zu halten oder sich gegenseitig zu lausen (wobei sie beides auch am Boden tun). Zudem essen sie die Flechten und Moose, die am Stamm wachsen, sowie Blätter und Bucheckern. Letztere sind bei den Berberaffen am Affenberg Salem in Deutschland sehr beliebt.

In diesem Park kann man die Tiere beobachten ohne durch einen Zaun oder ein Gitter behindert zu werden. Und man kann sie mit (ungesalzenem oder -gesüßtem) Popcorn füttern, dass sich die Affen liebend gerne in ihre Backentaschen stopfen, die übrigens alle Makaken besitzen. Dort können sie Essen zwischen lagern und später verzehren. Wenn es ihnen bis dahin niemand klaut. (Das Video wurde in Marokko, nicht am Affenberg aufgenommen.)

Berberaffen sind Allesfresser: Sie ernähren sich auch von Insekten, Pilzen, Gräsern, Kernen, Früchten und Skorpionen. Letzteres sieht lustig aus: Die Affen sitzen auf dem Boden und drehen einen Stein nach dem anderen um. Plötzlich machen sie einen Satz zur Seite. Dann weiß man: Da sitzt wohl ein Skorpion. Dann kommen sie wieder näher ran und versuchen den Skorpion ganz schnell am Schwanz hoch zu picken um ihn zu essen (auf dem Video sieht man den Skorpion leider nicht).

Generell scheinen Berberaffen, was ihre Nahrung angeht, nicht sehr wählerisch zu sein. Sie essen auch hartes Baguette und Schokoriegel, die ihnen Touristen immer wieder hin halten oder schmeißen (obwohl es zahlreiche Gründe dagegen gibt). Das passiert häufig, wenn sie sich in der Nähe der Straße aufhalten. Mittlerweile haben vor allem die älteren Männchen schon gelernt, dass diese großen, lauten Dinge auf vier Rädern beim vorbei fahren gelegentlich was Leckeres aus dem Fenster schmeißen. Doch es gibt auch Menschen, die das Futter auf die Straße werfen. Das hat einige Tiere schon das Leben gekostet.

Gelegenheit macht Diebe

Nicht selten überlegt sich manch einer auch, einen jungen Affen einfach mitzunehmen. So beobachtete ein Kollege von mir, wie Touristen versuchten ein Jungtier mit einer Spur Äpfel ins Auto zu locken. Als er sie bat dies zu unterlassen und die Tür zu schließen, wurde er zunächst nur beschimpft, doch schließlich auch bedroht. Glücklicherweise hielt in dem Moment ein zweites Auto an und weitere Menschen stiegen aus, um die Tiere zu füttern. Das war den Anderen dann wohl zu heikel, sodass sie weiter fuhren und der Affe dort bleiben konnte, wo er hin gehört – bei seiner Familie.

Doch zahlreiche Berberaffen hatten nicht so ein Glück. Obwohl es illegal ist, werden die Jungtiere aus ihrer Gruppe gerissen und als Haustiere verkauft. Das traumatisiert nicht nur die Kleinen, sondern auch die ganze Gruppe. Erst vor einigen Jahren erkannte unser Team eines Morgens die von ihnen beobachtete Affengruppe nicht mehr wider. Sie gaben Alarmrufe von sich, schraken ständig auf und hatten Angst vor den Forschern. Der Grund: In der Nacht zuvor wurden alle sechs, erst wenige Wochen alten, Babys gestohlen. Der komplette Nachwuchs eines Jahrgangs – einfach weg. Wohin sie gebracht wurden, weiß niemand.

Waren Berberaffen zunächst nur beliebte Haustiere von wohlhabenden Marokkanern, werden sie nun immer häufiger auch nach Europa verschifft und dort verkauft. Es ist wohl anzunehmen, dass die Tiere immer wertvoller werden, je weniger es von ihnen gibt. Doch der Fortbestand der Art ist schon jetzt bedroht. Er hat sich in den letzten Jahren drastisch verringert. Waren es 1999 noch um die 15.000 Tiere, die durch Nordafrika streiften, sind es heute nur noch zwischen 6.500 und 9.100  Tiere, plus die um die 200 Tiere auf Gibraltar. Sie stehen auf der Roten Liste als „stark gefährdet“ und ihr Schutzstatus wurde vor kurzem erhöht, sodass der Handel mit wilden Berberaffen nun international verboten ist.

Sie als Haustiere zu halten oder zu verkaufen ist in Marokko zwar verboten. Doch dort mangelt es, wie in vielen anderen Ländern auch, an der konsequenten Durchsetzung dieser Gesetze. Deshalb sieht man auch auf öffentlichen Plätzen, wie der Medina in Marrakesch, Menschen, die Fotos mit Berberaffen anbieten. Die Tiere sitzen den ganzen Tag angekettet auf dem Markt, während ihre Besitzer auf Kundschaft hoffen. Aus Mitleid gekaufte oder zu alte Tiere sind schnell ersetzt.

Die Berberaffen werden aber auch durch die Zerstörung ihres Lebensraumes bedroht. Besonders  Zedern fallen den Kettensägen zum Opfer. Dort wo sie einst standen, sind nur noch meterbreite Stümpfe im Boden. Die Wälder sind so stark gerodet, dass die einzelnen Berberaffenpopulationen voneinander isoliert sind. Dazu kommen noch Schafsherden: Sie grasen nicht nur auf Wiesen, sondern auch im Wald und zerstören damit das für den Erhalt des Waldes wichtige Unterholz. Und dann gibt es noch die gefährlichen Stacheldrahtzäune am Waldesrand, die einst wohl diese Schafe daran hindern sollten, in den Wald zu kommen. Ein Baby hat sich daran schon den Hals aufgeschlitzt, als sich zwei erwachsene Tiere darum stritten, wer es jetzt tragen darf. Der Zaun war dazwischen. Zum Glück überlebte der Babyaffe.

Die Männchen „kümmern“ sich auch um die Babys

Die Babys sind unter den Berberaffen sehr beliebt – vor allem unter den Männchen. Die Kleinen werden in den ersten Tagen zwar meist ausschließlich von ihrer Mutter herum getragen, danach aber auch von anderen Weibchen und vor allem anderen Männchen. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um die Väter. Und es ist wohl eher ein eigennütziges Verhalten.

Wissenschaftler vermuten, dass sie die Kleinen nutzen, um ihre Beziehungen zu anderen Männchen zu stärken. Dabei dienen die Affenbabys als „sozialer Puffer“. Der Gedanke dabei ist: Wenn ich ein verletzliches Baby dabei habe, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Begegnung mit einem anderen Männchen in einem Kampf eskaliert. So werden sie von einem Männchen zum anderen getragen und sitzen dann mitten in einer so genannten Sandwich-Interaktion oder auch triadischen Interaktion. Dabei schnattern die Männchen dem Kleinen zu und eins der Männchen laust danach meist das andere.

Lausen dient nämlich nicht nur der Fellpflege, sondern vor allem der Stärkung sozialer Beziehungen zwischen Berberaffen. Egal ob Männchen oder Weibchen: Alle brauchen verlässliche Partner. Nicht nur Mutter und Geschwister (der Vater ist ihnen wohl eher unbekannt) sind eine wichtige Unterstützung bei Streitigkeiten, sondern auch nicht-verwandte Freunde. So müssen Männchen beispielsweise die Unterstützung von Koalitionspartnern haben, um ihre Rangposition zu halten oder zu erhöhen. Da Lausen unter Männchen fast ausschließlich während der Sandwich-Interaktionen vorkommt, sind diese wohl besonders wichtig, um sich des Rückhalts ihrer Kooperationspartner sicher zu sein.

Der soziale Status

Während die Männchen sich ihre Position in der sozialen Rangfolge mit Hilfe von strategischen Koalitionspartnern erkämpfen müssen, steht die Rangfolge bei den Weibchen meist von Geburt an fest. Sie regieren in so genannten Matrilinien. Dabei steht die Mutter (solange sie nicht altersschwach ist) über ihren Töchtern und die wiederum über ihren jüngeren Geschwistern. Steht die Mutter im Rang über einem anderen (nicht-verwandten) Weibchen, stehen die Töchter auch über diesem Weibchen und ihren Töchtern (spätestens wenn sie ausgewachsen sind). So ergibt sich eine Rangfolge der Matrilinien, die sich selten ändert. Die Weibchen werden also in ihren Rang hinein geboren.

Die männlichen Berberaffen stehen im sozialen Rang generell über den Weibchen, wobei das Alpha-Weibchen manchmal auch über ein paar altersschwachen Männchen stehen kann. Junge Männchen (ohne erwachsene Koalitionspartner) stehen teils auch unter den ranghohen Weibchen. So ergibt sich eine komplexe Sozialstruktur unter den Berberaffen.

Ebenso komplex ist ihr Sexualverhalten: Berberaffen pflanzen sich saisonal fort. Im Spät-Herbst/Winter ist Paarungszeit. Die Weibchen zeigen dann ihre Paarungsbereitschaft durch Wasser-gefüllte Sexualschwellungen an und fordern die Männchen auch direkt zur Paarung auf. Sie verpaaren sich mit mehreren verschiedenen Männchen. Zudem sind mehrere Weibchen gleichzeitig empfängnisbereit. Dadurch ist es den ranghohen Männchen nicht möglich alle Paarungen für sich zu beanspruchen – auch andere kommen dann zum Zug.

Wofür Freunde gut sind

In der Paarungszeit ist deshalb die Rivalität zwischen den Männchen am größten. Kommt es zum großen Showdown wird es sehr laut: Bei einem so genannten Schreikampf stehen (oder liegen) sich die Kontrahenten gegenüber, starren und schreien sich mit gebleckten Zähnen an, während sie mit Blicken über die Schulter ihre Koalitionspartner zur Hilfe rufen. Oft schreien am Ende alle Männchen (die sich mehr oder weniger zu einer Seite bekennen) und alle anderen Tiere der Gruppe auch. Gelegentlich eskaliert so ein Schreikampf auch zu einem richtigen Kampf. Dabei versuchen die Männchen den Kontrahenten am Arm zu packen und sie zu sich zu ziehen und zu beißen.

Die Kämpfe können mitunter heftig aussehen. In diesem Video hat ein Männchen sogar noch ein Neugeborenes am Bauch hängen. Die Mutter versucht das Kind immer wieder zu sich in Sicherheit zu ziehen und beißt dem Männchen sogar in den Rücken (hier in Zeitlupe).

Verwandte und Freunde sind aber nicht nur eine wichtige Unterstützungen bei großen und alltäglichen Konflikten um Nahrung. Sie helfen auch schwierige Zeiten zu überleben. So beispielsweise während eines besonders strengen Winters 2008/2009, in dem von Ende November bis Anfang März durchgehend Schnee lag. Aus zwei Berberaffengruppen starben 30 Tiere. Vermutlich fanden sie unter der teils 90 cm hohen Schneedecke nicht genügend Nahrung. Doch welche Affen hatten die besten Überlebenschancen? Nicht nur diejenigen, die mehr Zeit damit verbrachten zu fressen. Sondern auch diejenigen, die mehr soziale Partner hatten. Warum? Diese Partner tolerierten die Affen wohl stärker als direkte Nahrungskonkurrenten. Dadurch hatten sie mehr Zeit zum fressen und wurden weniger verjagt. Die Nahrungssuche war für sie somit effizienter. Die Forscher vermuten außerdem, dass Affen mit zahlreichen sozialen Partnern auch mehr Kuschel-Möglichkeiten hatten und so ihren Wärme- und damit auch Energieverlust minimieren konnten.

So wie beim Menschen, sind soziale Beziehungen extrem wichtig für Berberaffen. Makaken haben auch unterschiedliche Sozialsysteme, also Art und Weisen, wie sie generell miteinander umgehen. Während Rhesusaffen (Macaca mulatta) sehr stark auf die Einhaltung der Rangfolge achten und es zahlreiche Konflikte gibt, sind Schopfmakaken (Macaca nigra) eher gelassen unterwegs. Bei ihnen geht aggressives Verhalten zwischen zwei Tieren oft in beide Richtungen, also nicht nur vom ranghohen Tier aus. Das Spektrum reicht in 4 Stufen von despotisch (z. B. Rhesusaffen) bis hin zu egalitär (z. B. Schopfmakaken). Die Berberaffen sind Stufe 3 zugeordnet, also eher tolerant. Sie streiten also eher wenig.

Doch gerade, wenn sie sich streiten, hört man sie auf weite Entfernungen. Das hätten wir bei der Suche nach der Berberaffengruppe gut gebrauchen können. Wahrscheinlich sind wir in den letzten drei Tagen sogar mehrmals einfach an der Gruppe vorbei gegangen, ohne sie zu bemerken, weil sie sich hinter dem nächsten Hügel aufhielten.

Am dritten Nachmittag war es dann endlich soweit: Wir gingen über eine Hügelkuppe und da waren sie. Als würden sie da schon immer sitzen, gingen sie ihrem alltäglichen Leben nach. Manche pickten Essen vom Boden, manche hielten ein Nickerchen, die Kleinen spielten ausgelassen und wieder andere saßen friedlich beisammen und lausten sich gegenseitig. Daily Monkey Business eben.

 


Weiterführende Informationen:

Hier noch zwei kurze Dokus zu den Berberaffen in Marokko und im Trentham Monkey Forest (ähnlich dem Affenberg Salem).

Wer wildlebende Berberaffen mal live erleben will, könnte sich dafür interessieren: