Affenmäßig: Lausen – ein Verhalten, zwei Funktionen

16673100910_be3346d5e4_o
Ein Gelada-Weibchen kümmert sich um das Fell eines Männchens. (Bildquelle: Tambako The Jaguar (CC BY 2.0))

Jeder weiß: Affen lausen sich gegenseitig. Weniger bekannt ist, dass dieses Verhalten nicht nur Parasiten und Schmutz entfernt, sondern auch eine soziale Funktion hat.

Flop, Pause, flop, Pause, flop… Das Geräusch hört man eine ganze Weile, wenn man Berberaffen (Macaca sylvanus) beim gegenseitigen Lausen beobachtet. Das Geräusch entsteht, wenn ein Tier dem anderen mit den Händen durchs Fell fährt und diesem dabei einen Mini-Klaps verpasst, während es das Fell zur Seite schiebt. Manche sind eher zärtlich, andere hauen da schon fast grob drauf. Die meisten wirken hochkonzentriert, während sie den Rücken des anderen inspizieren und sich dabei hin und wieder was in den Mund schieben oder etwas mit den Lippen aufpicken. Doch ein paar sehen echt gelangweilt aus, während sie halbherzig durch das Fell ihres Partners fahren. Das sind oft diejenigen, die nach nur wenigen Sekunden damit aufhören und dann selbst gelaust werden wollen.

Wie sie das machen? Indem sie sich neben sie setzen oder gleich vor ihnen fallen lassen und die Körperstelle präsentieren, die sie gerne gepflegt haben wollen. Das erinnert ein bisschen an eine Katze oder einen Hund, der sich vor einem auf den Rücken schmeißt und darum bittet gekrault zu werden. Doch auch ohne solch eine Aufforderung gehen Berberaffen zu ihren Artgenossen und kümmern sich um deren Fell.

Bei Lemuren sieht die gegenseitige Fellpflege ganz anders aus, da sie ihre Hände fast gar nicht nutzen. Das Verhalten ähnelt bei ihnen mehr dem von Katzen, da sie ihr Fell ablecken und dabei mit dem so genannten Zahnkamm hindurch fahren und so das Unerwünschte quasi auskämmen.

Aber warum sollten sich Affen überhaupt um das Fell der anderen kümmern? Ist es nicht schlauer nur das eigene sauber zu halten?

Die gegenseitige Fellpflege hat hauptsächlich zwei Funktionen:

Hygienische Funktion

Zum einen gibt es Stellen, welche die Affen selbst schlecht erreichen können. Auch wir können ohne große Verrenkungen unseren Rücken ohne fremde Hilfe oder Hilfsmittel nicht ordentlich säubern.

Affen entfernen ihren Gruppemitgliedern beim gegenseitigen Lausen Dreck und Ungeziefer aus dem Fell. Wie der Name schon sagt zum Beispiel Läuse. Diese sind zumindest bei Japanmakaken (Macaca fuscata) die häufigsten Ektoparasiten (also solche, die auf der Körperoberfläche leben). Doch auch Zecken und Flöhe werden entfernt. Besonders Körperstellen, welche die Affen selbst schlecht erreichen können, werden von Gruppenmitgliedern häufiger gelaust, wie der Rücken und die Außenseite von Armen und Beinen, so eine Studie mit Japanmakaken.

Soziale Funktion

Doch Lausen hat noch eine soziale Funktion. Durch die gegenseitige Fellpflege bauen Affen soziale Bindungen zu anderen Tieren ihrer Gruppe auf, erhalten und stärken sie. Denn starke Beziehungen zu anderen Tieren (man könnte sie auch Freunde nennen) sind lebensnotwendig für in Gruppen lebende Affen. Denn diese Freunde halten einem nicht nur das Fell frei sondern halten einem bei Streitigkeiten auch den Rücken frei. Ohne Verbündete steht man sonst schnell alleine da. So brauchen Berberaffenmännchen beispielsweise die Unterstützung anderer Männchen, um Koalitionen gegen Rivalen zu bilden, wenn sie in der sozialen Rangordnung aufsteigen möchten. Auch Affenmütter können die Unterstützung ihrer Freunde gut gebrauchen. So zeigte eine Studie an Steppenpavianen (Papio cynocephalus), dass der Nachwuchs von Weibchen, die viele Freunde hatte, eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hatte, als der von Weibchen mit wenigen Freunden. Und auch das unmittelbare Überleben kann von Freunden abhängen, wie diese Studie zeigte: Im besonders harten Winter 2008/2009  im Atlasgebirge hatten diejenigen Berberaffen die besten Überlebenschancen, die mehr soziale Partner hatten. Dadurch hatten sie vermutlich mehr Zeit zum fressen, da sie seltener verjagt wurden.

xphjmxi8zko-fabian-blank
Hier lausen sich ein paar Berberaffen gegenseitig in den Bäumen. Wieviele? Finde es heraus in dem kleinen Bilderquiz. (Bildquelle: Fabian Blank (CC 1.0))

Auch folgende Studie von Robin Dunbar, welche 44 verschiedene Primatenarten miteinander verglich, zeigt, dass gegenseitiges Lausen eine wichtige soziale Funktion hat. Er stellte fest, dass die durchschnittlich mit der gegenseitigen Körperpflege verbrachte Zeit stark mit der Gruppengröße zusammenhing – nicht aber mit der Körpergröße. Doch bei Neuweltaffen war dieser Zusammenhang eher anders herum (und nicht signifikant). Daraus schlussfolgerte er, dass gegenseitiges Lausen in Neuweltaffen eher eine hygienische Funktion hat, während sie bei Altweltaffen hauptsächlich die soziale Funktion erfüllt. Das passt auch damit zusammen, dass Altweltaffen oft in großen Gruppen mit komplexen, sozialen Strukturen leben und Koalitionen bilden.

Wie stark die Beziehung zwischen zwei Affen ist, messen Verhaltensbiologen, indem sie die Zeit, welche die beiden zusammen verbringen, mit der anderer „Paare“ vergleichen. Dazu zählt die gemeinsam verbrachte Fellpflege und die in Körperkontakt oder in unmittelbarer Umgebung verbrachte Zeit.

Was genau am gegenseitigen Lausen die soziale Beziehung stärkt ist noch nicht abschließend geklärt. Es stärkt wohl das Vertrauen in den Partner. Ohne Frage entspannen sich die Tiere bei dieser Pflegeeinheit – manche schlafen sogar ein. Studien zeigten, dass Spannungen beim Lausen gelöst werden, da sich die Tiere danach weniger kratzten (ein Zeichen für Anspannung oder Ängstlichkeit). Eine andere Studie beobachtete jedoch, dass genau dieses Verhalten unmittelbar nach der Pflegeeinheit stärker wurde. Warum genau, ist noch unklar. Und schließlich gibt es noch die Theorie, dass die gegenseitige Pflege eine Art Dienstleistung ist, für die sich der Partner dann revanchiert – in derselben oder anderer Form, wie Unterstützung bei Rangkämpfen, Futter oder Sex. Man hat sozusagen was gut beim anderen.

Was gegenseitig bedeutet ist in den Augen mancher Affen relativ. Wenn zwei zusammen sitzen, laust häufig einer den anderen und dann wird getauscht. (Manchmal fahren sie aber auch gleichzeitig durch das Fell des anderen.) Manche Affen nutzen ihre soziale Rangposition auch aus und lassen sich viel länger pflegen, als sie dies erwidern (persönliche Beobachtung). Unter der Berberaffengruppe in Salem gab es beispielsweise ein sehr altes Männchen, dass sehr häufig von alten und sehr jungen Weibchen gelaust wurde, aber nur sehr wenige Male dabei beobachtet wurde, auch mal was zurück zu geben. Und mit sehr wenig, meine ich wirklich wenig. So in der Größenordnung 1:100. Das nennt man dann wohl einseitige Beziehungen. Daraufhin wurden seine Aufforderungen zum Lausen auch häufig ignoriert und so lag er dann ganz allein da. Das hat man wohl davon, wenn man immer nur nimmt und nie was gibt.


Weitere Videos:

In diesem Video kann man den Zahnkamm (1:02) sehen:

In diesem Video sieht man dieses Verhalten bei Berberaffen (Wobei der Sprecher da ein paar Mal Männchen und Weibchen verwechselt… Berberaffenmännchen verbringen nicht den Großteil ihres Tages damit andere Männchen zu lausen. In Wahrheit sind solche Interaktionen zwischen Männchen eher selten und finden im Zuge von so genannten triadischen Interaktionen statt (siehe hier). Die gezeigten Männchen werden auch gerade von Weibchen gelaust…):