Berberaffen: Wer ist der Boss?

Bei Berberaffen herrscht eine strenge Rangordnung. Doch wer steht an der Spitze? Männchen oder Weibchen? (© Georg Messerer)

„Bei Berberaffen ist die Macht weiblich“ – so lautet die Überschrift eines Radiobeitrags, auf den ich letzte Woche gestoßen bin. Stimmt nur leider nicht, obwohl es durchaus Alpha-Weibchen gibt.

Es geht um diesen kurzen Beitrag (über den ich mich eigentlich sehr gefreut habe). Darin behauptet Mario Ludwig bei Berberaffen sei immer ein Weibchen der Boss: „Über diese Gruppe herrscht ein Alphaweibchen. Das führt die Gruppe an. Das hat absolut das Sagen.“ (1:10) Eine „Königin“ also. Ich weiß nicht, woher „Deutschlands Experte für alles Tierische“ diese Information hat. Aber bei Berberaffen sitzt die Krone definitiv nicht auf weiblichem Haupt. Ich habe selbst ein Jahr lang mit Berberaffen gearbeitet, in einer Arbeitsgruppe, die deren Verhalten seit langem erforscht. Doch ein Weibchen an der Spitze der Gruppe hat noch niemand gesehen.

Dort steht nämlich das Alpha-Männchen. Er ist der Boss. Ihm folgen weitere Männchen in einer linearen Rangfolge. Das bedeutet, dass wenn A über B steht und B über C, steht auch A über C. Das rangniedere Tier macht Platz, wenn das ranghöhere kommt. Falls nicht, wird es von letzterem oft weggescheucht. Eine einfache Drohgebärde reicht meistens.

Nach den Männchen kommen in der Rangfolge dann schließlich die Weibchen – an deren Spitze das Alpha-Weibchen. In der Rangfolge kommen dann ihre erwachsenen Töchter, die älteste zuerst. Dann kommt die nächste so genannte Matrilinie, also mütterliche Verwandtschaftslinie. Und so weiter und so fort. Unter den Weibchen geht es aber wirklich zu wie bei Königen. Wie Mario Ludwig weiter erläutert (1:16) ist die Rangposition der Weibchen in der Tat erblich. Stirbt die Anführerin der Matrilinie oder ist zu alt, übernimmt ihre älteste Tochter meist ihre Rolle.

Die Rangfolge ist in der Regel auch relativ stabil. Doch es gibt natürlich immer Ausnahmen: In der frei lebenden Gruppe Berberaffen in Marokko, die ich für zwei Monate beobachtete, hatte das Alphaweibchen keine weiblichen Nachkommen. Und so kam es eines Tages zum Sturz des Weibchens an der Spitze. Möglicherweise fehlte ihr der Rückhalt aus der (nicht vorhandenen) Matrilinie? Doch das ist im Moment nur Spekulation, da es sich um einen Einzelfall handelt. So besitzt das langjährige Alpha-Weibchen der C-Gruppe am Affenberg Salem ebenfalls keine Töchter. Dafür ist aber das langjährige Alpha-Männchen ihr Sohn. Vielleicht reicht das ja, um ihre Machtposition zu stärken? Vielleicht hat ihre Position in der sozialen Rangordnung auch dazu beigetragen, dass ihr Sohn Alpha-Männchen wurde?

Es gibt aber durchaus Weibchen, die höherrangiger sind als bestimmte Männchen. Die Jungspunde stehen oft unter den hochrangigsten Weibchen. Mit zwei Jahren beginnen sie in der Hierarchie aufzusteigen, überspringen erst die Weibchen des vorigen Jahrgangs und stehen mit fünf bis sechs Jahren – wenn sie ausgewachsen sind – auch über den erwachsenen Weibchen.

An der Spitze der Berberaffengruppe steht also kein Weibchen, sondern ein Männchen. Wäre es anders herum, wäre das auch kein „einzigartiges Sozialsystem“ (1:02), wie im Beitrag auch behauptet wird. Denn es gibt durchaus Affenarten, in denen die Weibchen an der Spitze der Gruppe stehen. Diese findet man unter den Lemuren.