Mit Obstsalat zum Superhirn

©Tambako The Jaguar
Ein Bartaffe gönnt sich leckere Früchte. (Bildquelle: Tambako The Jaguar via photopin (CC BY-ND 2.0))

War es das anspruchsvolle Leben in Gruppen, dass ein großes Gehirn erforderte? Eine neue Studie behauptet: Nein, es war das Essen von Früchten.

Menschen haben einen gewaltigen Zellhaufen in ihrem Oberstübchen gelagert. Im Reich der Säugetiere ist das menschliche Gehirn größer, als anhand der durchschnittlichen Körpergröße zu erwarten wäre. Auch andere Primaten sind in ihrem Obergeschoss außergewöhnlich gut bestückt.

Wie ist das zu erklären? Lange Zeit argumentierten Wissenschaftler mit der besonders sozialen Seite des Affenlebens. Die so genannte Social-Brain-Hypothese argumentiert, dass das Leben in Gruppen kognitiv besonders anspruchsvoll sei, sodass mehr Nervenzellen erforderlich sind, um dieses zu meistern. Je größer die Gruppe, umso größere Gehirne seien demnach nötig.

Einige Studien bestätigen diese Theorie: So zeigte beispielsweise eine Studie von Robin Dunbar, dass die Gruppengröße bei Primaten positiv mit der relativen Größe der Großhirnrinde zusammen hängt. Je größer die Gruppe, umso größer war dieser Hirnbereich.

Doch es gab auch Untersuchungen, die Zweifel weckten: So zeigte eine Studie, dass die in Relation größten Affengehirne unter den monogam lebenden Affen zu finden sind. Der Zusammenhang zwischen Gruppen- und Gehirngröße zeigt sich auch nicht bei den Feuchtnasenaffen und konnte beispielsweise in einer Studie von 19 verschiedenen Lemurenarten nicht festgestellt werden. Diese Studie fand jedoch, dass frugivore (sich von Früchten ernährende) Lemuren größere Gehirne hatten als folivore (sich von Blättern ernährende) Lemuren.

Die aktuelle Studie des Teams um Alex DeCasien hat nun alles zusammen getestet: Sie untersuchten, was die Größe des Gehirns von Primaten am besten erklärt. Die Ernährungsweise? Die Gruppengröße? Oder vielleicht einer der anderen Messwerte der Komplexität des Soziallebens, wie das Fortpflanzungssystem und das Sozialsystem. Denn die Gleichung „größere Gruppe = größere soziale Komplexität“ geht nicht unbedingt auf. Größere Gruppen gehen zwar mit mehr potentiellen Sozialpartnern einher, aber nicht notwendigerweise mit mehr tatsächlichen.

Was sorgte nun für ein großes Gehirn? Die Forscher fanden heraus, dass weder die Gruppengröße, noch einer der anderen sozialen Messwerte, die Größe des Gehirns erklärte. Vielmehr bestimmte hauptsächlich die Ernährungsweise die Größe des Gehirns. Diese waren umso größer, je mehr Früchte die Affenart in der Regel konsumierte.

Die Erklärung der Forscher: Sich hauptsächlich von Früchten zu ernähren ist gar nicht so „banal“, wie man vielleicht denkt. Manche Früchte erfordern eine bestimmte Bearbeitungstechnik, um den Inhalt zu nutzen (siehe Video).

Früchte wachsen im Gegensatz zu Blättern (oder Gras) auch nicht überall. Sie sind auch meist nicht das ganze Jahr reif. Und Fruchtsorten unterscheiden sich auch in ihrer Reifezeit. Die Tiere müssen sich also nicht nur merken wo Früchte zu finden sind, sondern auch welche und wann.

Keine leichte Aufgabe. Ich kann mir (bis auf wenige Ausnahmen) nicht merken, wann welches Obst und Gemüse Saison hat und bin froh, wenn ich meinen kleinen Spickzettel im Supermarkt zu Rate ziehen kann. Schimpansen müssen ohne den Spickzettel und den Supermarkt auskommen. Vor allem die Kombination der drei Informationen ist entscheidend: Denn ein kilometerlanger Marsch zu einem Feigenbaum, nur um dann fest zu stellen, dass die Früchte noch unreif sind, kostet Energie. Die der ganzen Gruppe.

Das Leben in einer Gruppe ist möglicherweise auch nicht ganz so kognitiv anspruchsvoll, wie gedacht. Denn komplexe Verhaltensweisen, wie die Bildung von Koalitionen bei Berberaffen, lassen sich auch durch einfache Regeln erklären, die keine starken kognitiven Fähigkeiten erfordern. Auch zur Frage, ob eine monogame oder polygame Lebensweise anspruchsvoller ist, gibt es keine klare Antwort. Schließlich stellt jede davon ein Tier vor andere Herausforderungen. So muss das Männchen bei letzteren ein Auge auf viele Weibchen haben um zu verhindern, dass sie sich mit Rivalen paaren, während es bei der Monogamie gewieft sein muss, um „extra-pair copulations“, also Paarungen mit einem anderen Weibchen, zu erzielen. Ähnliches gilt natürlich auch für die Weibchen.

Das Problem ist: Es gibt keinen allgemeinen Wert, der die soziale Komplexität misst.

In der Frage was die Evolution der Gehirngröße der Affen angetrieben hat, sind deshalb weitere Studien nötig. Vermutlich ist es auch keine Entweder-Oder-Frage, denn beide Theorien dazu, was die Evolution des Hirnvolumens antrieb (Ernährungsweise bzw. Sozialleben) schließen sich nicht gegenseitig aus.

Möglich ist auch die Erklärung, dass eine Umstellung der Ernährung hin zu energiereicheren Früchten erst ein Gehirnwachstum ermöglichte. Schließlich verbraucht dieses Organ enorm viel Energie. Diese zusätzliche Energie der Früchte-Diät könnte somit in die kognitiven Herausforderungen investiert werden, die durch das Leben in komplexen Sozialbeziehungen bedingt sind.

Zudem ist ein Problem, dass Tiere gemeinsam haben, genügend Nahrung zu finden. Das kann man bewerkstelligen, indem man die Nahrungsaufnahme effizienter gestaltet und zum Beispiel auf energiereichere Früchte umsteigt. Und die findet man möglicherweise besser gemeinsam statt allein. Denn so kann man sich auch auf das Wissen der anderen stützen.

Bleibt die Frage: Ist man mit einem größeren Gehirn auch schlauer? Nope. Es kommt ja bekanntlich nicht auf die Größe an, sondern die Qualität. Des Gehirns. So kann man Größe auch durch Effizienz kompensieren.

 


Weitere Informationen:

Ein interessanter Ted-Talk zur Frage, was das menschliche Gehirn so besonders macht: