Nachmacher!

Wer hier wen nachmacht, ist eine andere Frage. (Bildquelle: London Scout via Unsplash)

Kinder machen andere gerne nach, besonders Erwachsene. Dabei imitieren sie oft auch Unsinniges – sie überimitieren. Ein Verhalten, das gar nicht so dumm ist, wie es scheint.

Bevor es YouTube-Tutorials gab, schauten wir uns von unseren Artgenossen ab, wie man etwas macht – ob nun tanzen, Krawatte binden oder Haare flechten. Wir lernen von anderen, welches Verhalten angemessen ist, was man essen kann und wie Dinge funktionieren. Auch Kinder lernen neue Verhaltensweisen, indem sie andere beobachten und imitieren. Sie tendieren sogar zum überimitieren. Dabei wird alles kopiert, was die andere Person getan hat, um zum Ziel zu gelangen – auch, wenn Teile des Verhaltens gar nicht zum Ziel geführt haben, also keinen kausalen Zusammenhang mit dem Ergebnis haben. Aber warum? Welchen Sinn hat dieses Verhalten? Und machen unsere nächsten Verwandten das auch?

Dazu führte Zanna Clay, Primatologin an der University of Birmingham, zusammen mit Claudio Tennie, der mittlerweile an der Universität Tübingen ist, folgendes Experiment durch: Sie hielt insgesamt 77 Kindern im Alter von um die 3,5 Jahren ein Stück Holz hin, das aus zwei Teilen bestand – wie eine Box. In einer Testsituation „beschwörte“ sie das Holz, indem sie mit einer Hand darüber und daneben Kreisbewegungen durchführte bevor sie die Box öffnete. Als hätte sie gezaubert, konnte sie nun das Holzstück öffnen, in dem sich ein Sticker befand. Das Ganze wiederholte sie noch zweimal. Bei einem zweiten Experiment malte sie zuvor ein Kreuz darauf und fuhr mit dem Finger über den Rand.

Dann waren die Kinder dran: Sie bekamen das Holzstück ohne Kommentar oder Anweisung ausgehändigt. Die meisten imitierten mindestens eine der irrelevanten Handbewegungen, obwohl diese gar nicht dazu geführt hatten, dass sich das Holzstück öffnete. Sie überimitierten also.

Clay führte denselben Test auch mit insgesamt 46 Bonobos im Lola ya Bonobo Sanctuary durch, einer Auffangstation in der Demokratischen Republik Kongo. Im Holzstück befand sich nun statt dem Sticker ein Stück Apfel. Auch die Affen versuchten die Box zu öffnen, jedoch auf althergebrachte Weise – mit den Zähnen, durch Schütteln oder Treten. Kein einziger Affe machte die mysteriösen Handbewegungen nach.

Das Video zeigt die beiden Testversionen und (ab 00:48) wie ein Bonobo darauf reagiert (mit freundlicher Genehmigung von © Zanna Clay, University of Birmingham)

 

Nicht-menschliche Primaten sind zwar durchaus in der Lage neues Verhalten zu lernen. Fahrrad fahrende Affen im Zirkus sind traurige Beispiele dafür. Dazu ist jedoch intensives Training bzw. viel Zeit nötig. Direkte Imitation von neuem Verhalten fällt ihnen schwer.

Wir Menschen tendieren stark dazu auch funktionell irrelevante Aktionen zu imitieren. Zum warum gibt es verschiedene Erklärungsansätze:

Zunächst einmal könnte man argumentieren, dass den Kindern wohl die kausalen Zusammenhänge der Aufgabe nicht ganz klar sind. Um auf Nummer Sicher zu gehen, machen sie alles erst einmal genauso, wie der Erwachsene es gemacht hat. Nach dem Prinzip „Copy all – Refine later“ können sie ihr Handeln später immer noch optimieren. So verletzen sie auch keine unbekannten Regeln.

Aber selbst wenn Kindern bewusst ist, dass bestimmte Bewegungen für das Ziel unerheblich sind, überimitieren sie immer noch. Das hat möglicherweise eine soziale Funktion: Kinder wollen wohl dazu gehören und eine soziale Bindung mit der imitierten Person aufbauen. Uns imitierende Personen finden wir sympathischer.

Doch Überimitation ist keineswegs nur ein Phänomen unter Kindern: Sogar Erwachsene überimitieren (wie diese und diese Studie zeigen) – selbst wenn die einzelne Aufgabe durch Nachahmen der unnötigen Handlung weniger effektiv gelöst wird. Trotzdem ist dieser Hang zur übertriebenen Imitation auf lange Sicht nützlich. Denn diese Form des sozialen Lernens ist immer noch effektiver als individuelles Lernen. Dadurch müssen wir nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, sondern können auf dem Wissen anderer aufbauen und daraus Neues schaffen. Die Fähigkeit das Handeln anderer effektiv zu imitieren, hat uns im Laufe der Evolution wohl auch so weit gebracht.